Wer die Geschichten über Oh- und Angebär im Kiraka mag, der sollte hier zugreifen. In diesem Buch erzählt Martin Baltscheit diverse Geschichten von ihnen, zudem Märchen und Gedichte. Allen, die Kinder etwas vorlesen wollen, gibt der Autor zudem Tipps, wie man die unterschiedlichen Rollen in den Geschichten hervorhebt und wie man im richtigen Tempo vorliest.

Eine wundervolle Fundgrube für Vorlesetexte als Gute-Nacht-Geschichten.

Im Zuge der Verfilmung dieses Buches gibt es in Deutschland aktuell eine Neuauflage dieser 10 Jahre alten Geschichte. Sie handelt von Hannah Bakers Lebensgeschichte. Sie ist eine Heranwachsende, die unter Demütigungen ihrer Umwelt leidet und meint, keine Freundschaften zu haben. Völlig verzweifelt wendet sie sich an Vertrauenspersonen, ohne sich zu öffnen, und wählt schließlich den Freitod. Wie es dazu kam, erzählt sie auf 7 Kassetten, die sich an die Leute richten, die ihrer Meinung nach wesentlichen Anteil an ihrem Leben hatten.

Selbstmord ist gerade bei Jugendlichen ein schwieriges Thema, weil es möglicherweise den Selbstmord als gute Möglichkeit, einen Ausweg für Probleme zu finden, erscheinen lässt. Insofern sollte man mit Jugendlichen im Gespräch bleiben, die sich thematisch hiermit beschäftigen. Dieses Buch macht aber sehr gut die Bedrückungen klar, unter denen Heranwachsende heutzutage leiden.

Carolin Emcke befasst sich in ihrem aktuellen Buch mit den aufkeimenden und gediehenen nationalistischen Positionen in Deutschland und darüber hinaus, wobei sie einen Akzent setzen möchte für die Verteidigung von Minderheiten im Lichte des Populismus dieser Zeit. Sie brilliert an den Stellen, an denen sie Positionen als diskriminierend und polemisierend demaskiert, indem sie die Position unaufgeregt entschlüsselt.

Weniger überzeugend ist Emcke allerdings in ihrer Einordnung von Positionen in einen historischen oder wissenschaftlichen Kontext. So bestimmt sie die “Parteilichkeit der Verstandeswaage” aus einer Textstelle aus Kants “Träume eines Geistersehers”, d.i. ein Text vor dessen so genannter kritischen Phase, als “Voreingenommenheit durch die Hoffnung”, wobei es an der betreffenden Stelle im Kantischen Text überhaupt nicht um Hoffnung geht. Um Hoffnung geht es bei Kant in der Religionsphilosophie. So ein Namedropping ist so wenig überzeugend wie beeindruckend.

Und auch wenn andere Stellen in ihrer gewollten Belehrung eher nerven als einnehmen, ist das Buch wegen der Analysefährigkeit der Autorin empfehlenswert.

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Das Buch gibt es derzeit in einer Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung für 4,50€.

jamesproimos Dieses Buch ist ein Jugendbuch, das wegen seines Witzes und der Kürze seiner Einzelepisoden durchaus auch für Erwachsene interessant ist:

Herc‘ wird nach dem Tod seines Vaters zu seinem Onkel geschickt. Und der stellt ihm für die Zeit seines Aufenthalts 12 Aufgaben, die er wie sein Namensgeber Tag für Tag zu bewältigen hat:

  1. Such dir eine Aufgabe.
  2. Finde den besten Pizzaladen der Stadt.
  3. Räum die Garage auf.
  4. Miste die Ställe auf der Riverbend Farm aus.
  5. Setz dich unter einen Baum und lies ein kompettes Buch.
  6. Begib dich an einen Ort der Huldigung und des Gebets.
  7. Geh zu sieben Bewerbungsgesprächen.
  8. Verbring den Tag mit großen Gedanken, Schreib sie auf.
  9. Iss eine Mahlzeit mit einem Unebkannten.
  10. Mach etwas für mich.
  11. Trag auf der Mitternachtslyriklesung im Blake’s Coffee Shop ein Gedicht vor.
  12. Beende deine Aufgabe.

Die Geschichten behalten dank guter Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn den mitunter schroffen Stil des Originals und erheitern durch wiederholte Aushebelung der Erwartungen des Lesers.

»Direkt, knapp und kraftvoll erzählt James Proimos vom Verlorensein und Scheitern, vom Verstehen und Neuzusammensetzen.«
Die Zeit

jannetellernichtsDieses Buch wurde in Dänemark schon 2000 aufgelegt, schaffte es aber erst 2010 in deutscher Übersetzung in hiesige Bücherläden. In Dänemark verursachte das Buch einen kleinen Skandal – und das nicht ohne Grund.

Das Buch handelt von einer Gruppe Jugendlicher, die sich von einem ihre Mitschüler provoziert fühlt. Dieser steht einges Tages in der Klasse auf und verkündet, dass seiner Meinung nach nichts in der Welt von Bedeutung sei. Daraufhin schaffen die Jugendlichen einen Schrottberg, auf dem sie Dinge verbrennen, die ihnen wichtig sind. Die Aktion artet in psychischer und körperlicher Gewalt aus.

Janne Tellers Roman, zu dem es bei Wikipedia eine ausführliche Inhaltsangabe gibt, besticht durch sprachliche Präzision und einer nervenaufreibenden Geschichte. In bezug auf Jugendgewalt ist der Roman nicht zimperlich, was für einige, aber sicherlich nicht alle Jugendliche realitätsfern ist. Insofern ist dieser Buchtipp vielleicht nicht für jeden Schüler etwas, aber gerade für eine Befassung mit dem Thema Jugendgewalt und Werte ist das Buch eine geeignete Vorlage.

scherpetagMary Scherpe ist eine bekannte Modebloggerin. Und sie hat einen Stalker. Der schickt ihr tagtäglich irgendwelche Dinge, mischt sich in ihre Privatleben ein, kontaktiert Freunde, verfolgt sie. In diesem Buch schreibt sie nieder, was passiert ist. Wie sie versucht hat, ihn zu bremsen, ihn zu verstehen, ihm zu helfen. Wie sie scheiterte und wie es ihr zusetzte.

Die Stärke des Buches ist, dass Scherpe nicht in feministische Klischees abwandert, ihre eigene Rolle nicht merklich schönschreibt und sprachlich sehr gut formuliert. So ist der Leser erstaunt, was ihr alles widerfährt, aber auch irritiert, weswegen sie ihn vor Freunden ernsthaft als Affäre kaschiert oder versucht, sich seines Problems anzunehmen.

Das Buch ist nicht moralisierend, nicht objektiv, aber offen und schildert, wie Stalking heutzutage vonstattengeht. Und es ist ein Plädoyer dafür, sich zu wehren, wenn man angegangen wird.

Mary Scherpe, An jedem einzelnen Tag. Mein Leben mit einem Stalker, Bastei Lübbe, 14,99€ (gebundene Ausgabe)/ 11,99€ (eBook)

muehlingDieses Buch ist eine Art Road-Movie zwischen Buchdeckeln quer durch Russland und die Ukraine. Mühling ist auf der Suche nach wahren Geschichten, von denen ihm ein Freund mal sagte, es gäbe sie nur in Russland zu finden. So macht er sich eines Tages auf den Weg, Agafja Lykowa zu treffen, was sich als waghalsiges, wenn nicht gar lebensgefährliches Abenteuer erweist.

Man lernt in diesem Buch vieles über die Geschichte Russlands und einiges über den Umgang mit Russen. Agafja Lykowa ist wohl die Dame in diesem Video:

Ein sehr lesenswerter Schmöker für alle, die mal einen Blick über den Tellerrand wagen wollen.

ichbloggdichwegJule ist ein junges Mädchen, das mit ihrer Band beim Schulfest auftreten soll. Dann erhält sie jedoch anonyme E-Mails, Beschimpfungen und Drohungen. Ein Fake-Profil von ihr taucht im Internet auf und ihr wird nahe gelegt, die Band zu verlassen. In dieser starken Bedrängnis kommt es schließlich zur gewalttätigen Auseinandersetzung.

Das Buch von Agnes Hammer behandelt ein sehr aktuelles Thema: Die Problematik, dass Jugendliche einerseits in der realen und andererseits in der virtuellen Welt unterwegs sind, und es schwierig wird, wenn Probleme der einen Sphäre mit der anderen in Berührung kommen.

Was der Leser schnell merkt, ist, dass es sich hierbei um eine klassische Schullektüre handelt, und das ist auch schon das Manko des Buches, wenn man so will: Die Geschichte ist überraschungsarm, vorhersehbar, das klassische Problem, dass die jugendliche Erzählerin mit mitunter arg verschachtelteln Sätzen alles andere als jugendlich klingt, sowie dass sich die Akteure für Jugendliche doch sehr abgeklärt verhalten. Bei erotischen Situationen wirkt die political correctness dann schon mal belustigend.

Aber als Schullektüre, und für eine kommunikative Behandlung durch Jugendliche ist das Buch, das einen für Jugendliche sehr fairen Preis hat, sicherlich hervorragend geeignet.

Den Text gibt es gerade als 99-Cent-E-Book-Ausgabe und dann kann man sich sowas schon mal fix durchlesen. Wallace’ Rede an Anfänger eines geisteswissenschaftlichen Studiums und irgendwie auch jeden, der seinen Kopf ernsthaft beschäftigt, ist eine Rückbesinnung darauf, dass es im Leben auch stark darum geht, das eigene Denkvermögen in den Griff zu bekommen. Sicher, das alles ist irgendwie Descartes ohne Descartes zu nennen. Aber es ist peppig vorgetragen und nahe am Zuhörer ausgedrückt, und so hört man Wallace gerne zu. Auf Youtube kann man sich die Rede auch im Original anhören. Bitter, dass derjenige, der hier Heranwachsenden darauf vorbereiten will, sich darauf einzustellen, wie man 50 wird ohne sich eine Kugel in den Kopf zu schießen, selbst keine 50 geworden ist. Der Umgang mit Medikamenten ist eben noch ein anderes Thema.

Weihnachten steht vor der Tür und vielerorts werden nun die Buchläden durchstöbert, um interessante literarische Sachen ausfindig zu machen. Ich habe mir mal Netzgemüse von Tanja und Johnny Haeusler, der auch unter spreeblick.de bloggt, angeschaut. In diesem Fall ist es vielleicht hilfreich, die beiden erst selbst zu Wort kommen zu lassen:

Jetzt kann man zunächst einmal feststellen, dass es hier eine dicke Marktlücke gibt. Das Internet ist in vielen Facetten nicht leicht zu verstehen. Das macht besonders dann Probleme, wenn Eltern darüber nachdenken, wie sie ihre Kinder im Internet begleiten. Und das tut Not, denn im Internet lauern rechtliche und persönliche Gefahren. Andererseits bewegen sich Internetnutzer ziemlich frei und ungebunden durch das Netz. Worauf sollen sich Eltern daher einstellen?

Das ist in etwa die Frage, der das Ehepaar Haeusler nachgeht. Sicherlich ist das Buch so geschrieben und wird so präsentiert, dass es sich irgendwie rentiert. Insofern ist dieser Eintrag auch schon wieder eine Form von Werbung. Aber andererseits bin ich davon überzeugt, dass das Buch die Aufgabe, Eltern für ihre Aufgabe, Kinder im Umgang mit dem Internet verantwortungsvoll zu begleiten, gut erfüllt.

Jetzt könnte ich auch am Buch rummosern über manchen grammatisch nicht ganz so perfekten Satzbau, verkürzte und somit falsch wirkende Darstellungen oder den Begriff Netzgemüse, der mich das ganze Buch gestört hat. Da mein Fokus aber darauf gerichtet ist, herauszufinden, ob dieses Buch Eltern eine Hilfe sein kann, schiebe ich das mal ganz beiseite.

Und wenn das erstmal beiseite geschoben ist fällt zunächst die große Bandbreite auf, die das Buch umfasst: Es handelt den Umgang mit Computerspielen, illegale Downloads, Internetdiensten, Blogs, Mobbing, Pseudonymen, sozialen Kompetenzen, Taschengeld, Smartphones und und und ab. Ich habe auf Anhieb nichts gefunden, was ich vermisse. Alle Themen werden zwar nur angerissen und Beispiele und Lösungsansätze von wirklich schwierigen Problemen kommen nicht vor. Das ist aber für ein Eisntiegsbuch in die Materie nicht weiter schlimm. Die Frage wäre eh, ob man ein solches Buch nicht überfrachtete, wenn man zu viele Lösungen anbieten wollte.

Was ich sehr überzeugend finde, ist, dass die Autoren heikle Themen wie Pornografie im Internet, die von Jugendlichen konsumiert werden kann, nicht umschiffen.

Das Buch braucht zwar etwa 100 Seiten um richtig in Schwung zu kommen, trifft aber dann den richtigen Ton. Wer also Eltern kennt oder selber erzehungsberechtigt ist, dem lege ich dieses Buch wärmstens ans Herz.