Zu Besuch bei der integrativen Jugendarbeit: Was bedeutet denn Integration?

Es ist Dienstagabend, etwas zu kalt für Juni, aber immerhin ist die Sonne rausgekommen. Ich treffe Richard Gemar, den Leiter des Projekts zur integrativen Jugendarbeit in Ibbenbüren, nach dem Jugendhilfeausschuss vor der Sporthalle, erzähle etwas von der Sitzung, in der es auch um ihn ging, und dass man sich freue, dass nach seinen Sportveranstaltungen keine Bierflaschen weggeräumt werden müssten.

Ach, jee,

winkt Richard kopfschüttelnd ab,

das ist doch ganz falsch. Bei mir trinkt niemand. Ganz am Anfang, beim Mitternachtssport, da kamen einige an und haben getrunken und geraucht. Da habe ich sie ins Gebet genommen und gesagt, sie können gerne wieder kommen – wenn sie nicht trinken und rauchen. Und das war’s. Aber das war in den 90ern.

Aber sowas hört man manchmal. Einmal bin ich gefragt worden: ‚Richard, warum spucken die Russland-Deutschen vor die Sporthalle?‘ Ich habe gefragt: ‚Wie kannst du an der Spucke erkennen, dass sie von Russland-Deutschen ist?‘ Nein, das machen Jugendliche, wenn sie anfangen zu rauchen. Dann spucken sie den ersten Monat lang. Das machen alle: Deutsche, Russen und Türken.

Aber bei mir raucht keiner. Ich bin da etwas streng, sicher, so war man bei uns. Der Lehrer ist der Chef, gegen den wird nichts gesagt. Damals wurde nicht genörgelt oder kritisiert. Ich weiß, hier ist das anders. Und ich habe mich auch geändert, ich bin ja schon 20 Jahre hier. Aber das hat früher gut funktioniert.

Ich wende ein, dass die Dinge hier für Heranwachsende aber eben auch anders laufen – eben nicht so einfach wie früher. Meine Freundin kommt aus der Ukraine und ihre Verwandten von dort haben sich sehr zornig gezeigt, als der Staat ihr nach ihrem Studium nicht direkt eine Arbeitsstelle angeboten hat. Richard lacht.

Ja, weißt du, wir haben früher dazu einen Witz gehabt. Da ruft jemand bei Stalin an: „Genosse Stalin, mir wird kein Job angeboten.“ – „Genosse Arbeiter, wer leitet ihre Kolchose?“

Richard lacht. Ich verstehe den Witz nicht.

Na, das ist so,

sagt Richard,

damals gab es ein Gesetz, dass jedem in der Sowjetunion ein Beruf zur Verfügung gestellt wird. Per Gesetz. Jeder kriegt einen Job. Der Arbeiter kriegt nun den Beruf des Kolchoseführers und der geht nach Sibirien.

Inzwsichen trudeln die Teilnehmer seiner Gruppe ein. Ich besuche die Gruppe zum zweiten Mal. Wenn ich von dieser Sportgruppe bisher etwas gelernt habe, dann das, mir meine eigenen Vorurteile einzugestehen. Nicht alle Jugendlichen mit sowjetischem Hintergrund sind Deutsch-Russen. Einige sind durch aus in deutschen Sportvereinen angemeldet. Das war ungefähr so passend, wie meine Meinung, in der Sowjetunion sei grundsätzlich schlechteres Wetter als bei uns. Pustekuchen. In vielen Teilen der ehemaligen Sowjetunion ist das Klima deutlich angenehmer als in Deutschland. Richard ist meinem Vorhaben gegenüber, etwas über die Gruppe zu dokumentieren um Vorurteile abzubauen, skeptisch. Es sei doch so, dass die einen Menschen dies dächten und die anderen das. Er habe da nichts gegen.

Wenn „Russen“ und „Deutsche“ aufeinander treffen, sind derart unterschiedliche Ansichten aber nicht ungewöhnlich. Wenn er eine Ungerechtigkeit entdeckt, sagt der Deutsche: „Was eine Ungerechtigkeit! Wie ärgerlich! Da müssen wir was gegen tun!“ und der Russe sagt: „Was eine Ungerechtigkeit! Wie ärgerlich! Da kann man wohl nichts machen. Hauptsache, es erregt keine Aufmerksamkeit!“

Ich komme mit einigen ins Gespräch. Das ist ein Jugendlicher, der sich schon politisch engagiert hat. Er hat sich damals für integrative Sportarbeit ausgesprochen. Seit den Erfahrungen, die er damals gemacht hat, möchte er sich nicht mehr öffentlich äußern. En Interview mit mir ist daher unmöglich, man könnte ihn an der Stimme erkennen, sagt er. Ich lasse mir die Sachlage erklären und kann mir vorstellen, welche Personen er meint. Ob er nur keine Lust hat oder doch berechtigt Konsequenzen befürchtet? Ich würde letzteres nicht ausschließen wollen. Er hält die integrative Sportarbeit für sehr sinnvoll, es sollte mehr davon geben. Ansonsten würden die Leute Unsinn anstellen.

Ich erzähle, dass ich festgestellt habe, dass Unsereinem gar nicht bewusst sei, wie oft man als Immigrant mit komischem Verhalten der Nichtimmigranten zu tun hat. Davon können viele eine Geschichte erzählen. Ich habe gedacht, es seien Geschichten, die schon überstanden wären, die schon etwas her wären. Aber nein, mit sowas haben die Jugendlichen tagtäglich zu tun.

Ein Mädchen erzählt mir, dass sie aus der Klassenstunde geworfen worden wäre, weil sie ein russisches Wort ausgesprochen hätte. Das finde ich irritierend, gerade weil ich neulich einen Verhaltensforscher gehört habe, der meinte, jeder würde in der Sprache zählen, die er als allererstes gelernt hätte. Man legt demnach nicht alles einfach so ab, was man mal gelernt hat.

Ein anderes Mädchen erzählt, dass sie erst neulich gemerkt hat, dass ein Arbeitskollege sich ihr gegenüber anders verhält, weil sie anders wäre, weil sie deutsch mit markant rollendem R spräche. Ich frage sie, was sie vom Begriff Integration halte. Sie habe mal einen Vortrag dazu in der Schule gehalten, sagt sie. Aber sie habe Schwierigkeiten mit diesem Wort. Sie verhält sich nicht anders als die Immer-schon-Deutschen, hat einen normalen Beruf, spricht fließend deutsch, aber ob das schon Integration ist?

Ihre Freundin wundert sich darüber, dass ich über die Lage der immigrierten, jungen Deutschen schreiben will:

Die Leute haben halt Vorurteile,

sagt sie,

das ist halt so. Das wird man auch nicht ändern können.

Naja,

sage ich,

was immer Integration genau bedeuten soll, ich glaube nicht, das es heißt, dass man sich mit Diskriminierungen abfinden soll.

1 Trackback / Pingback

  1. Der Lehrer ist der Chef | ibb.town/geschichten

Antworten